Rentenkommission empfiehlt Ende der Minijobs: Millionen Beschäftigte und Betriebe unter Druck
Minijob-Abschaffung bedroht Zusatzverdienste und den Arbeitsmarkt
Die Empfehlung der Rentenkommission, den steuer- und sozialversicherungsrechtlichen Sonderstatus der Minijobs abzuschaffen, hat in Deutschland eine breite Debatte ausgelöst. Millionen Menschen, die auf Nebenverdienste angewiesen sind, fürchten um ihre Einnahmen. Gleichzeitig warnen Unternehmen vor erheblichen Personalengpässen, sollte das Modell wegfallen.
Hintergrund ist der Vorschlag, Minijobs verpflichtend in die gesetzliche Rentenversicherung einzubeziehen und Ausnahmen nur noch für Schülerinnen und Schüler zuzulassen. Bislang konnten Minijobberinnen und Minijobber selbst entscheiden, ob sie rentenversicherungspflichtig werden wollen oder ihr Nettoeinkommen maximieren.
Kurzfristige Folgen für Beschäftigte
Wer auf Minijobs angewiesen ist, sieht sich mit existenziellen Fragen konfrontiert. Ein Beispiel ist der 25-jährige Saro Omer, der als Reinigungskraft am Wochenende arbeitet, um sein Abitur zu finanzieren und später Verfahrenstechnik zu studieren. Er beschreibt die Lage nüchtern: «Ich würd halt auf gut Deutsch jeden Cent zweimal umdrehen, bevor ich ihn ausgebe, weil man hat ja seine Fixkosten. Lebensunterhalt ist ein bisschen teurer geworden in letzter Zeit.» Für viele Schüler und Studierende sind Minijobs oft die einzige Möglichkeit, Ausbildung und Lebensunterhalt zu kombinieren.
Betriebe fürchten steigenden Personalmangel
Auch Arbeitgeber melden deutliche Bedenken an. Reinigungsfirmen, Handel und Handwerksbetriebe nutzen Minijobs seit Jahren, um flexible Kapazitäten abzudecken. Ratik Gasch, Geschäftsführer eines Reinigungsunternehmens, warnt davor, dass das Wegfallen dieser Einstiegsmöglichkeiten zu einem spürbaren Personalverlust führen könnte: Betriebsabläufe würden empfindlich gestört, und Berufe mit wenig Prestige könnten noch weniger Bewerber anziehen.
Ökonomische Einordnung und Risiken
Wirtschaftsexperten liefern eine nuancierte Einordnung. Tobias Dauth, Rektor der Wirtschaftshochschule HHL in Leipzig, betrachtet Minijobs als sinnvolle Nebenbeschäftigung, weniger jedoch als tragfähige Hauptbeschäftigung. Er weist darauf hin, dass Pflichtbeiträge allein nicht automatisch eine auskömmliche Rente erzeugen würden, wohl aber Versicherungsschutz und Anrechnungszeiten liefern könnten. Dauth skizziert drei mögliche Entwicklungen: Teile der Minijobs werden in reguläre sozialversicherungspflichtige Stellen überführt, ein Anteil fällt weg und ein weiterer Teil könnte in die Schattenwirtschaft abwandern.
Zahlen, Branchen und regionale Schwerpunkte
Aktuelle Daten der Minijob-Zentrale zeigen, dass im ersten Quartal 2026 rund 6,8 Millionen Menschen in Minijobs gemeldet waren, davon etwa 6,5 Millionen im Gewerbe und rund 250 000 in Privathaushalten. Nordrhein-Westfalen verzeichnet mit mehr als 1,5 Millionen Minijobbern die höchsten absoluten Zahlen. Besonders betroffen sind Handel sowie Instandhaltung und Reparatur von Kraftfahrzeugen.
Politische Zerrissenheit und Ausblick
Ob die Abschaffung der Minijobs tatsächlich kommt, ist noch offen. Auf politischer Ebene ist die Lage geteilt: CSU-Chef Markus Söder hat sich zuletzt für den Erhalt von Minijobs ausgesprochen, während Bundeskanzler und Arbeitsministerin die Umsetzung der Empfehlungen der Rentenkommission befürworten. Ökonomen betonen, dass die wirklich großen Stellschrauben in der Rentendebatte an anderer Stelle liegen, etwa bei demografischen Fragen oder ergänzenden kapitalgedeckten Lösungen.
Die Debatte bleibt damit sowohl sozialpolitisch als auch wirtschaftlich hoch brisant. Die kommenden Entscheidungen werden nicht nur Rentenexperten, sondern vor allem Millionen Beschäftigte und zahlreiche kleine und mittlere Unternehmen direkt betreffen.

16. August
Rentenkommission will Altersteilzeit verschieben und Blockmodell abschaffenAltersteilzeit ab 58: Abschied auf Raten oder Ende eines Instruments
Weiterlesen ⮞

16. August
Minijobs unter Druck: Wie vorgeschlagene Rentenreformen Saisonbetriebe und Nebenverdienste treffen könnten«Wenn 200 Euro den Unterschied machen»
Weiterlesen ⮞

16. August
Flexibel und planbar: Sieben Minijobs, die sich mit dem Studium vereinbaren lassenVerdienen, studieren, durchstarten — sieben Jobs, die sich dem Stundenplan beugen
Weiterlesen ⮞