Rentenkommission empfiehlt Ende der Minijobs – ein sozialer Neuanfang mit hohem Preis
Minijobs auf dem Prüfstand: Zwischen Altersabsicherung und Alltagspraxis
Berlin — Die von der Rentenkommission vorgelegten 33 Vorschläge zur Reform der Alterssicherung enthalten eine besonders umstrittene Empfehlung: die Abschaffung der Minijobs. Befürworter sehen darin einen Weg, Altersarmut zu verhindern und die Einnahmen der Sozialversicherung zu stärken. Kritiker warnen zugleich vor Arbeitsplatzverlusten, Bürokratie und ungewollten Nebenwirkungen für Studierende, Rentnerinnen und Eltern.
Was ist ein Minijob?
Minijobs sind geringfügige Beschäftigungsverhältnisse mit einer Verdienstgrenze von aktuell 603 Euro im Monat beziehungsweise 7 236 Euro im Jahr. Beschäftigte zahlen in der Regel keine oder nur geringe Sozialabgaben; Arbeitgeber leisten eine Pauschale von rund 30 Prozent. Rund 6,5 Millionen Menschen üben in Deutschland einen Minijob aus, darunter etwa 3,7 Millionen Frauen. Große Gruppen sind Schülerinnen und Schüler, Studierende sowie Rentnerinnen und Rentner. Viele nutzen Minijobs als flexible Ergänzung zum Studium, zur Rente oder als Übergangslösung.
Argumente für die Abschaffung
- Altersvorsorge: Wer dauerhaft nur in Minijobs arbeitet oder sich von der Rentenversicherung befreien lässt, erwirbt kaum Rentenansprüche und ist stärker von Altersarmut bedroht.
- Solidaritätssystem: Die Abschaffung würde mehr Beschäftigte in die gesetzliche Rentenversicherung einbinden und so die Beitragsbasis verbreitern.
- Finanzielle Effekte: Forschungsinstitute schätzen mögliche Zusatzeinnahmen für Sozialversicherungen; das Leibniz‑Institut nennt für 2026 rechnerisch rund 4,5 Milliarden Euro als fiktive Größenordnung.
- Gleichstellung: Insbesondere Frauen, die häufiger in Minijobs arbeiten, könnten langfristig von einer besseren Absicherung profitieren.
Argumente gegen die Abschaffung
- Flexibilität und Nettolohn: Minijobs bieten oft das Maximum an Netto vom Brutto und lassen sich gut mit Studium, Pflegeaufgaben oder Rente verbinden.
- Arbeitsmarktfolgen: Branchen wie Einzelhandel und Gastronomie beschäftigen viele Minijobber. Verbände warnen vor dem Verlust hunderttausender Stellen, weil Beschäftigte aus privaten Gründen nicht in Vollzeit wechseln können.
- Bürokratie und Ertrag: Ökonomische Analysen sehen nur begrenzte Mehreinnahmen für die Sozialkassen, während der Verwaltungsaufwand steigen könnte.
- Riskio der Schattenwirtschaft: Soziologische Stimmen mahnen, dass ohne begleitende Maßnahmen, etwa beim Ausbau der Kinderbetreuung, Betroffene in nicht gemeldete Tätigkeiten gedrängt werden könnten. Die Soziologin Jutta Allmendinger warnt davor, dass Frauen ohne Betreuungsmöglichkeiten in die Schwarzarbeit abrutschen könnten.
Was wäre nötig, damit eine Abschaffung sozial verträglich ist?
Experten betonen, dass eine Abschaffung nur mit flankierenden Maßnahmen funktionieren würde. Dazu gehören der Ausbau der Kinderbetreuung, Übergangsfristen, gezielte Freibeträge für Studierende und Rentner sowie eine klare Finanzierung, die Beschäftigte und Betriebe nicht unverhältnismäßig belastet. Ohne solche Ausgleichsmaßnahmen drohen Härten vor allem für jene, die heute auf die Flexibilität der Minijobs angewiesen sind.
Ausblick
Die Diskussion soll im Herbst 2026 in die politische Beratung gehen. Entscheidend wird sein, wie Gesetzgeberinnen und Gesetzgeber die Balance zwischen sozialer Absicherung und Arbeitsmarktrealität herstellen. Die Debatte bleibt ein Gradmesser dafür, wie sehr Deutschland kurzfristige Entlastung gegen langfristige Solidarität eintauschen will.
Von Julia Graber

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