Elternzeit teilen, Teilzeitfalle sprengen: Ökonomin fordert radikale Reform für mehr Gleichstellung
Elterliche Arbeitsteilung treibt Frauen in Teilzeit und Mindereinkommen
Die Wirtschaftswissenschaftlerin Nicola Fuchs-Schündeln warnt, dass strukturelle Anreize und traditionelle Rollenbilder Frauen systematisch in Teilzeit drängen und ihre Einkommenschancen langfristig schmälern. In einem Gespräch skizziert sie, wie steuerliche Regeln, Betreuungsengpässe und gesellschaftliche Normen zusammenwirken und schlägt vor, die Elternzeit verbindlich aufzuteilen, um die Belastungen gleichmäßiger zu verteilen.
Die Mechanik der Motherhood Penalty
Fuchs-Schündeln erklärt, dass die Lohnlücke zwischen Frauen und Männern großteils durch geringere Arbeitsstunden nach der Geburt des ersten Kindes entsteht. In Deutschland liegt das durchschnittliche Einkommen von Frauen zehn Jahre nach der Geburt des ersten Kindes rund 60 Prozent unter dem Niveau vor der Mutterschaft. Zum Vergleich: In skandinavischen Ländern beträgt der Rückgang etwa 20 Prozent. Entscheidend sei nicht allein die Erwerbsbeteiligung, sondern vor allem die tatsächlich geleisteten Arbeitsstunden.
Drei strukturelle Bremsen
- Kinderbetreuung: Quantität, Qualität und Verlässlichkeit der Betreuung bestimmen, ob Eltern vollzeitnah arbeiten können. Trotz Ausbau bleiben Randzeiten und zuverlässige Betreuung häufig problematisch.
- Soziale Normen: In vielen Familien fällt die Hauptlast der Betreuung noch immer auf die Mütter. Gesellschaftliche Wahrnehmungen von berufstätigen Müttern variieren ländervergleichend und beeinflussen Entscheidungen junger Eltern.
- Fiskalische und sozialrechtliche Anreize: Instrumente wie das Ehegattensplitting, die Minijob-Regelung und die beitragsfreie Mitversicherung erzeugen oft finanzielle Anreize für Spezialisierung innerhalb von Paaren und mindern die Attraktivität einer eigenständigen Vollzeiterwerbstätigkeit von Frauen.
Konkrete Reformvorschläge
Als wirksame Maßnahmen nennt Fuchs-Schündeln drei Stellschrauben: bessere, verlässlichere Betreuungsangebote; eine Reform steuerlicher Anreize, damit mehr Netto vom Brutto für erwerbstätige Frauen bleibt; und eine verpflichtende Aufteilung der Elternzeit zwischen beiden Elternteilen. Letzteres würde nicht nur Unternehmen signalisieren, dass Väter in die Betreuung eingebunden sind, sondern auch Normen verändern und Arbeitgebern eine neue Basis für Personalentscheidungen bieten.
Gegen einfache Rezepte
Geldprämien für Geburten seien per Forschungsergebnissen nur kurzfristig wirksam. Wer langfristig Familiengründungen fördern wolle, müsse die Vereinbarkeit von Beruf und Familie stärken, statt traditionelle Rollenbilder durch finanzielle Stabilisierung der Mutterschaft zu reproduzieren. Auch einen Wegfall des Rechts auf Teilzeit sieht Fuchs-Schündeln kritisch, weil Frauen ohne bessere Rahmenbedingungen möglicherweise ganz aus dem Erwerbsleben ausscheiden würden.
Kulturelle Debatten und Unternehmenspraxis
Social-Media-Trends, die traditionelle Hausfrauenrollen idealisieren, bleiben laut Fuchs-Schündeln eine Nische. Gleichzeitig beobachtet sie, dass Diskussionen über Diversity-Programme und Frauenförderung, etwa aus den USA, auch deutsche Unternehmen beeinflussen könnten. Ohne sichtbare Gleichstellungsziele drohe jedoch ein Rückschritt, gerade vor dem Hintergrund des demografischen Wandels und des Bedarfs an gut ausgebildeten Fachkräften.
Nicola Fuchs-Schündeln ist seit 2024 Präsidentin des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung WZB und Professorin für Makroökonomie und Entwicklung an der Goethe-Universität Frankfurt. Ihre Analyse verbindet empirische Forschung mit politischen Handlungsempfehlungen: Es gehe darum, institutionelle Anreize zu korrigieren und zugleich kulturelle Vorbilder zu schaffen, damit mehr Frauen die Chance auf ein eigenständiges Erwerbseinkommen erhalten.

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