Wenn Betreuung die Erwerbsarbeit stoppt: Die Teilzeitfalle vieler Mütter
Teilzeit wird für viele Mütter zur strukturellen Falle
Düsseldorf – Viele Eltern wollen mehr arbeiten, doch der Alltag macht Vollzeit oft unmöglich. Betreuungszeiten, unflexible Arbeitsmodelle und fehlende verlässliche Nachmittagsbetreuung sorgen dafür, dass Erwerbswunsch und -wirklichkeit auseinanderklaffen.
Sarina Bornkessel, 43, Referentin für strategische Kommunikation an einer Universität, schildert den Alltag einer Familie, die eigentlich anders arbeiten möchte. Sie selbst ist mit 26 Stunden pro Woche beschäftigt, ihr Mann als Abteilungsleiter mit 35 Stunden. Beide würden je rund 32 Stunden bevorzugen, um Erwerbsarbeit und Care-Arbeit gerechter zu verteilen. Praktisch scheitert der Plan an Betreuungszeiten: Die Ganztagsbetreuung für ihr Kind endet an drei Tagen in der Woche spätestens um 15 Uhr, freitags sogar schon um 14 Uhr. Pausen zwischen Berufs- und Familienarbeit existieren kaum.
Das Muster ist typisch: Arbeitstage werden verschoben, Homeoffice wird mit Kinderbetreuung verschränkt, Termine werden umorganisiert. Wer nicht auf ein enges familiäres Netzwerk vor Ort zurückgreifen kann, steht vor täglichen Logistikproblemen. Eine Lücke von anderthalb Stunden nach Betreuungsschluss reicht, um zwei vollzeitnahe Stellen praktisch unmöglich zu machen.
Führung in Teilzeit bleibt oft Theorie
Auch die Welt der Arbeit trägt zur Teilzeitfalle bei. Formal zugelassene Teilzeitmodelle in Führungspositionen erweisen sich vielfach als Scheinlösung. Bornkessels Mann reduzierte seine Arbeitszeit zeitweise und sammelte Überstunden, weil viele Führungsaufgaben nicht delegierbar waren und Erreichbarkeit abends und am Wochenende erwartet wurde. Die Folge: kein echter Zeitgewinn bei gleichzeitigem Gehaltsverzicht.
Gesellschaftliche Folgen reichen weit
Die Zahlen zeigen ein systemisches Problem: Ein hoher Anteil der Mütter arbeitet in Teilzeit, während Väter kaum betroffen sind. Dies wirkt langfristig auf Einkommen, Karriereverläufe und Rentenansprüche. Teilzeit geht oft mit geringeren Lohnzuwächsen, selteneren Beförderungen und weniger Weiterbildung einher. Unbezahlte Care-Arbeit bleibt zusätzlich bei Frauen hängen, wodurch sich die ökonomische Ungleichheit verfestigt.
Was nötig ist
Um die Forderung nach mehr Erwerbsarbeit für Eltern realistisch zu machen, braucht es mehr als Appelle. Entscheidend sind verlässliche, ganztägige Betreuungsangebote mit ausreichenden Öffnungszeiten, Planbarkeit bei Schließungen und Lösungen für Ausfälle. Ebenso wichtig sind betriebliche Rahmenbedingungen, die anspruchsvolle Arbeit auch in reduzierter Zeit erlauben: echte Teilzeitmodelle in Führung, Vorbilder in der Unternehmensspitze und flexible Arbeitszeitregelungen, die nicht in Abend- und Wochenendarbeit ausarten.
Bornkessels Fazit ist prägnant: Die Entscheidung, weniger zu arbeiten, ist häufig keine freie Wahl, sondern die Folge struktureller Hindernisse. Ohne gezielte politische und betriebliche Veränderungen bleibt die Debatte um mehr Arbeitszeit für Eltern vor allem ein Appell an Menschen, die bereits überlastet sind.