Verborgene Reserve im öffentlichen Dienst: Mehr Vollzeit könnte Hunderttausende Stellen kompensieren
Mehr Vollzeit könnte Personalmangel im öffentlichen Dienst deutlich mindern
Berlin, 25. September 2026 — Der öffentliche Dienst steht vor einem neuen Rekord beim Personalmangel: Nach Angaben des Deutschen Beamtenbunds fehlen deutschlandweit rund 631.000 Beschäftigte. Eine Gegenrechnung des Instituts der deutschen Wirtschaft kommt nahezu zum selben Volumen aus der anderen Richtung: Würden alle Teilzeitkräfte auf Vollzeit aufstocken, entstünden rechnerisch 634.000 zusätzliche Vollzeitäquivalente.
Die Zahlen zeigen zwei Seiten derselben Herausforderung. Die Erhebung des Beamtenbunds basiert auf einer Abfrage bei Gewerkschaften und benennt fehlende Köpfe. Die IW-Analyse hingegen misst ungenutztes Arbeitsvolumen innerhalb der bereits Beschäftigten und rechnet Teilzeitstellen in Vollzeitäquivalente um. Beide Perspektiven verdeutlichen, dass die Debatte ohne Blick auf Arbeitszeit und Lebensbedingungen unvollständig bleibt.
Wo die größten Reserven liegen
Besonders große theoretische Potenziale nennt das IW für Bildung und Betreuung: An Schulen würden durch Vollzeitausweitungen etwa 153.000 Vollzeitäquivalente zusätzlich zur Verfügung stehen, in Kitas rund 54.400. Auch bei Kommunalverwaltungen, Hochschulen und der Polizei zeigt die Rechnung spürbare Spielräume. Damit liegen die größten ungenutzten Reserven genau in den Bereichen, in denen Engpässe für die Öffentlichkeit am sichtbarsten sind.
Regionale Unterschiede und Realismus
Die Verteilung der Reserve ist regional ungleich: Absolut am stärksten wären mögliche zusätzliche Vollzeitkapazitäten in Bayern, Nordrhein-Westfalen und Baden-Württemberg. In vielen westlichen Ländern ist die potenzielle Steigerung des Arbeitsvolumens deutlich größer als in ostdeutschen Ländern, wo Teilzeitquoten geringer und die Kinderbetreuung traditionell besser ausgebaut sind.
IW-Ökonom Björn Kauder warnt zugleich vor Überschätzung: Die 634.000 Vollzeitäquivalente sind eine theoretische Obergrenze, gültig nur, wenn ausnahmslos alle Teilzeitkräfte auf Vollzeit wechseln. Ein pragmatischerer Maßstab zeigt, dass allein durch Angleichung an das Arbeitszeitniveau von Sachsen-Anhalt noch rund 294.000 Vollzeitäquivalente realistisch erreichbar wären — immer noch ein großer, aber deutlich kleinerer Beitrag zur geschilderten Lücke.
Warum Mehrarbeit nicht automatisch kommt
Ob Teilzeitkräfte ihre Stunden ausweiten können, hängt wesentlich von Betreuungs- und Pflegeverpflichtungen, Gesundheit und finanziellen Anreizen ab. Die IW-Analyse macht deutlich, dass verlässliche Kinderbetreuung und bessere Rahmenbedingungen zentrale Hebel sind: Fehlen Betreuungsplätze, arbeiten Eltern seltener vollzeit, darunter auch Beschäftigte im Bildungs- und Erziehungsbereich selbst. Dieses gegenseitige Ausbremsen verstärkt den Personalmangel.
Kritiker betonen, dass Teilzeitarbeit oft keine reine Präferenz, sondern eine Notwendigkeit ist. Befürworter sehen in den Berechnungen einen Anstoß, durch Anreize, Arbeitszeitmodelle und Investitionen in Betreuung mehr Kapazität aus bestehendem Personal zu mobilisieren, bevor ausschließlich neue Stellen geschaffen werden. Einigkeit herrscht in einem Punkt: Ohne eine deutlich bessere Kinderbetreuung bleibt ein erheblicher Teil der Reserve unerreichbar.
Die Zahlen von Beamtenbund und IW liefern unterschiedliche Diagnosen, aber ein gemeinsames Ergebnis: Die Personaldebatte im öffentlichen Dienst muss Arbeitszeit, Lebensrealitäten und regionale Unterschiede mitdenken, wenn sie tragfähige Lösungen finden will.