Mit mehr Vollzeit zurück in die Zukunft: Wie flexible Arbeitszeiten den Fachkräftemangel lindern können
Mehr Vollzeit könnte den Mittelstand stabilisieren
Im historischen Zentrum von Osnabrück zeigt ein ungewöhnliches Beispiel, worum es bei der Debatte um Teilzeit und Fachkräfte geht: Das traditionsreiche Haus Lengermann und Trieschmann hat an der Uferpromenade eine Indoor-Surfanlage eröffnet und damit zugleich einen enormen Personalbedarf geschaffen. Der CEO Mark Rauschen berichtet, dass das Unternehmen 487 Menschen beschäftigt, die Teilzeitquote bei rund 65 Prozent liegt und fast 80 Prozent der Beschäftigten Frauen sind. Das ist exemplarisch für den Einzelhandel und viele mittelständische Betriebe.
Die Entwicklung ist Teil eines gesamtgesellschaftlichen Trends: Rund 40 Prozent aller Erwerbstätigen in Deutschland arbeiten in Teilzeit, ein historischer Höchstwert. Vor dem Hintergrund einer spürbaren Fachkräfteknappheit stellen Politik und Wirtschaft die Frage, ob gesetzliche Teilzeitregelungen in ihrer jetzigen Form noch angemessen sind und wie sich das Arbeitsvolumen in Unternehmen verlässlicher planen lässt.
Zwischen Flexibilität und Planungsbedarf
Rauschen betont die Ambivalenz: Vollzeitkräfte bilden die stabile Basis eines Betriebs, gleichzeitig ist Teilzeit essenziell, um Spitzenauslastungen und saisonale Schwankungen abzudecken. Die Organisation vieler Teilzeitverträge erfordere planerisches Geschick und Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die fachübergreifend einsetzbar sind. Bei spezialisierten Funktionen wie IT oder Controlling versuche man, Teams zu vergrößern, damit Wissen und Zugänge verteilt werden können.
Oliver Stettes vom Institut der deutschen Wirtschaft erklärt, dass das seit 2001 geltende Teilzeit- und Befristungsgesetz damals darauf abzielte, die Erwerbsbeteiligung, insbesondere von Frauen, zu erhöhen. Inzwischen habe sich der Arbeitsmarkt gedreht und die Verhandlungsposition der Beschäftigten sei gestärkt. Das habe zu einer wachsenden Nachfrage nach flexiblen Arbeitszeiten geführt und die Teilzeitquote weiter steigen lassen.
Politische Stellschrauben und Vorschläge
Die Debatte konzentriert sich derzeit auf mehrere Vorschläge: Einschränkungen des Rechtsanspruchs auf Teilzeit, Abschaffung der Brückenteilzeit, eine Umstellung von der täglichen auf eine wöchentliche Höchstarbeitszeit und ein Ausbau der Betreuungsinfrastruktur. Stettes plädiert für Anreize, damit Mehrarbeit sich netto mehr lohnt, niedrigere Abgaben und eine längere Lebensarbeitszeit. Rauschen fordert gezielte Anspruchsrechte, etwa bei Pflegeverpflichtungen, und zugleich bessere Betreuungsangebote mit Öffnungszeiten an allen Werktagen bis in den Abend, auch samstags.
Eine Umstellung der gesetzlichen Höchstarbeitszeit auf Wochenbasis könnte laut Forschung des IW die notwendige Flexibilität bringen, ohne den Arbeitsschutz zu schwächen. Teilzeitbeschäftigte, die ihre Stundenzahl je nach Lebenslage aufstocken möchten, könnten so leichter gewonnen werden. Zugleich bleibt die Frage, wie Arbeitgeber, vor allem kleine Betriebe, das verbleibende Arbeitsvolumen organisieren, wenn Schlüsselkräfte Stunden reduzieren.
Konkrete Folgen für den Mittelstand
Studien zeigen, dass der Mittelstand disproportional unter dem Fachkräftemangel leidet: Zwischen Juli 2024 und Juni 2025 fehlten nach Angaben des Kompetenzzentrums Fachkräftesicherung rund 281.532 Fachkräfte, und mehr als 70 Prozent der offenen Stellen entfielen auf kleine und mittlere Unternehmen. Während in Branchen wie Automobilbau oder Handwerk Teilzeit weniger verbreitet ist, liegen Einzelhandel und Pflege deutlich über dem Durchschnitt.
Die Schlussfolgerung ist vielschichtig: Deutschland braucht einerseits eine moderne Arbeitsmarktpolitik, die flexible Arbeitszeitmodelle fördert und gleichzeitig die Rückkehr in Vollzeit erleichtert. Andererseits sind Investitionen in Betreuung, klare gesetzliche Rahmenbedingungen und steuerliche sowie sozialversicherungsbezogene Anreize notwendig, um mehr Erwerbsstunden zur Verfügung zu stellen.
Das Beispiel in Osnabrück zeigt, dass kreative Geschäftsmodelle neue Arbeitsplätze schaffen können, aber auch, wie sensibel die Balance zwischen Teilzeitwünschen der Beschäftigten und der betrieblichen Planbarkeit ist. Die Lösung wird nicht in einfachen gesetzlichen Verboten liegen, sondern in einer Kombination aus flexibleren Regeln, besseren Betreuungsangeboten und wirtschaftspolitischen Anreizen.

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