Mit mehr Vollzeit zurück in die Zukunft der Arbeit: Wie Teilzeitregelungen den Mittelstand vor Probleme stellen
Mehr Vollzeitstellen können den Fachkräftemangel dämpfen
In vielen deutschen Städten zeigt sich ein Bild, das exemplarisch für die gesamte Wirtschaft steht: Mittelständische Unternehmen kämpfen mit hoher Teilzeitquote, fehlenden Fachkräften und komplexen gesetzlichen Vorgaben. Ein besonders anschauliches Beispiel liefert Osnabrück. Dort hat das Familienunternehmen Lengermann und Trieschmann ein Sporthaus mit Indoor-Surfanlage eröffnet, das mitten im historischen Zentrum neue Kundenerlebnisse schafft und zugleich personell sehr aufwendig betrieben werden muss.
Das Unternehmen beschäftigt knapp 500 Menschen; rund 65 Prozent arbeiten in Teilzeit, fast 80 Prozent sind Frauen. Diese Konstellation ist typisch für den Einzelhandel und erklärt, warum gerade der Mittelstand besonders unter dem Mangel an Vollzeitkräften leidet. Flexibilität durch Teilzeit hilft, Stoßzeiten und Saisonspitzen abzudecken, schafft aber zugleich Planungsaufwand und Koordinationsbedarf, etwa wenn Spezialisten wie IT oder Controlling nur reduziert verfügbar sind.
Bundesweit arbeiten aktuell etwa 40 Prozent der Beschäftigten in Teilzeit, ein historischer Höchstwert. Experten sehen das Arbeitszeitrecht als Mitursache: Seit der Reform von 2001 besteht ein Rechtsanspruch auf Arbeitszeitreduzierung, wodurch die Verhandlungsposition der Beschäftigten gestärkt wurde. Das hat die Erwerbsbeteiligung von Frauen erhöht, zugleich aber die Verfügbarkeit von Arbeitsstunden gesenkt. Vor dem Hintergrund demografischer Veränderungen, insbesondere des Ausscheidens großer Jahrgänge in den Ruhestand, entsteht so ein strukturelles Defizit an Arbeitszeit.
Wirtschaftsforscher und Unternehmer fordern eine Modernisierung der Regeln: Weniger starre tägliche Höchstarbeitszeiten, eine Umstellung auf wöchentliche Begrenzungen und flexiblere Umsetzungsformen könnten es Beschäftigten erlauben, Arbeitszeit selbstbestimmter zu gestalten und bei Bedarf zu erhöhen. Gleichzeitig wird auf den Ausbau der Betreuungsinfrastruktur verwiesen: Nur mit verlässlicher Kinderbetreuung auch an Randzeiten ließen sich mehr Menschen für längere Arbeitszeiten gewinnen.
Für kleine Betriebe ist die Herausforderung besonders groß. Während größere Unternehmen Arbeitsvolumen leichter verteilt und Wissen auf mehrere Schultern verteilen können, drohen kleinere Unternehmen im Wettbewerb zurückzufallen, sobald Schlüsselkräfte ihre Stunden reduzieren. Maßnahmen wie gezielte Vollzeitförderung in bestimmten Bereichen oder pragmatische Regelungen zur Arbeitszeitgestaltung sollen helfen, die Funktionsfähigkeit mittelständischer Betriebe zu sichern.
In der Auseinandersetzung um Arbeitszeitrecht und Fachkräftesicherung steht damit eine grundsätzliche Frage im Raum: Wie lassen sich die berechtigten Interessen der Beschäftigten nach Vereinbarkeit mit den Erfordernissen einer leistungsfähigen Wirtschaft vereinbaren? Die Antwort liegt in einem Mix aus rechtlicher Modernisierung, besseren Betreuungsangeboten und Anreizen für mehr Nettoverdienst bei Mehrarbeit. Nur so kann der Mittelstand wieder stärker auf stabile Vollzeitkapazitäten bauen.

10. Juni
Minijobs: Einmalige Rückkehr in die Rentenversicherung eröffnet wichtige AnsprücheKleiner Job, große Folgen: Jetzt wieder Rentenansprüche sichern
Weiterlesen ⮞

09. Juni
Verbrannte Arbeitszeit statt Arbeitsunlust: Warum die Teilzeitdebatte am Problem vorbeigehtTeilzeit deckt nur die Symptome auf – die Zeit geht durch schlechte Prozesse verloren
Weiterlesen ⮞

09. Juni
Einmaliger Widerruf der Rentenbefreiung für Minijobber schafft neues Wahlrecht ab Juli 2026Minijobber erhalten eine zweite Chance für ihre Rente – jetzt entscheiden viele neu
Weiterlesen ⮞