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Mehr Vollzeit, weniger Lücken: Handel und Wissenschaft fordern flexiblere Arbeitszeiten

11. Mai 2026

Mehr Vollzeitkräfte als Schlüssel gegen den Fachkräftemangel

Osnabrück — Der Einzelhandel kämpft gegen zunehmende Personalengpässe und sucht Antworten jenseits starrer Arbeitszeitregelungen. Das traditionsreiche Familienunternehmen Lengermann und Trieschmann in Osnabrück zeigt, wie aufwändige Präsenzangebote und eine hohe Teilzeitquote miteinander kollidieren: Auf einer stehenden Welle in der Innenstadt lockt das Kaufhaus Kundschaft, gleichzeitig sorgt ein hoher Anteil an Teilzeitbeschäftigten für komplexe Planungsaufgaben.

Geschäftsführer Mark Rauschen, Urenkel des Gründers, berichtet von 487 Beschäftigten, von denen rund 65 Prozent in Teilzeit arbeiten und fast 80 Prozent Frauen sind. Vollzeitkräfte seien die stabilen Säulen im Betrieb, sagt Rauschen, doch die Möglichkeit zur Teilzeitarbeit bleibe unerlässlich, um Stoßzeiten und saisonale Spitzen abzufangen. Die Organisation vieler Teilzeitarbeitsverhältnisse erfordere planerisches Geschick und fachübergreifende Teams, damit Knowhow nicht an einzelne Personen gebunden bleibe.

Gesetzliche Rahmenbedingungen und ihre Folgen

Die politische und juristische Debatte um Teilzeit hat eine lange Vorgeschichte. Seit dem Inkrafttreten des Teilzeit- und Befristungsgesetzes 2001 besteht für Beschäftigte ein Anspruch auf Arbeitszeitreduzierung, den Arbeitgeber prüfen und bei Bedarf begründen müssen. Oliver Stettes vom Institut der deutschen Wirtschaft erklärt, der Arbeitsmarkt habe sich seit den 2010er-Jahren grundlegend gewandelt: Die Verhandlungsstärke der Beschäftigten sei gestiegen, Unternehmen hätten flexibel reagieren müssen, um attraktiv zu bleiben.

Stettes mahnt zugleich: Gerade kleinere Betriebe gerieten in Schwierigkeiten, wenn Spezialisten ihre Arbeitszeit reduzierten. Modelle wie 30-Prozent-Stellen oder kurzfristige Vertretungen seien oft wenig attraktiv. Vor diesem Hintergrund wird die Brückenteilzeit kontrovers diskutiert; einige Experten plädieren für eine Rücknahme bestimmter Regelungen, um die Planbarkeit wieder zu erhöhen.

Flexibilität statt Bürokratie

Wirtschaftsvertreter fordern neben einer sorgfältigen Abwägung des Teilzeitrechts vor allem modernere Arbeitszeitregelungen. Statt eines starren Tageslimits sei eine wöchentliche Höchstarbeitszeit sinnvoller, argumentieren Wissenschaftler. Dadurch ließen sich Stunden flexibler verteilen, ohne die Gesamtarbeitszeit zu verändern. Viele Teilzeitbeschäftigte wünschten sich zudem eine selbstbestimmtere Verteilung ihrer Stunden, die ihnen ermöglichen würde, die Arbeitszeit den Lebensumständen anzupassen und gegebenenfalls aufzubauen.

Rauschen betont die Bedeutung besserer Betreuungsinfrastruktur: Nur wenn Kinderbetreuung an Werktagen länger möglich sei, könnten mehr Beschäftigte Vollzeit arbeiten. Er nennt sogar Angebote an Samstagen als denkbare Maßnahme, um berufliche und private Anforderungen zu vereinbaren.

Ökonomische Realität und politische Optionen

Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: Eine Studie des Kompetenzzentrums Fachkräftesicherung (KOFA) ergab, dass zwischen Juli 2024 und Juni 2025 rund 281.532 Fachkräfte fehlten und 72,3 Prozent der offenen Stellen von kleinen und mittleren Unternehmen ausgeschrieben wurden. Über alle Branchen liegt die Teilzeitquote in Deutschland derzeit bei etwa 40 Prozent.

Fachleute sehen die Lösung nicht allein in Zuwanderung. Vielmehr müssten Anreize geschaffen werden, die Arbeitszeit zu erhöhen und die Lebensarbeitszeit zu verlängern: Netto mehr verdienen bei Mehrarbeit, niedrigere Sozialabgaben und ein modernes Arbeitszeitgesetz, das Planungsspielräume schafft, sind zentrale Vorschläge. Gleichzeitig solle der Anspruch auf Teilzeit zielgerichtet bleiben, etwa für Pflegefälle oder ähnliche besondere Anlässe.

Im Ergebnis steht der Mittelstand vor der Herausforderung, aus einem wachsenden Teilzeitangebot ein tragfähiges Personalmodell zu formen, das Betriebsabläufe sichert und zugleich den berechtigten Interessen der Beschäftigten entgegenkommt. Die Debatte um Arbeitszeitrecht und Betreuungsinfrastruktur bleibt damit ein zentraler Faktor für die Zukunftsfähigkeit deutscher Unternehmen.

Der Bericht stützt eine Nachricht von: creditreform.de

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