Die Stunde vor der Kita: Wie Betreuungsdefizite die Vollzeitquote von Müttern drücken
Kita-Ausbau entscheidet über Erwerbschancen von Müttern
Berlin – Wenn Bundeskanzler Friedrich Merz über Teilzeit und mangelnden Arbeitsfleiß debattiert, trifft das eine Seite des Problems. Die andere liegt an der Tür zur Kinderbetreuung. Wer ernsthaft mehr Vollzeitbeschäftigte fordert, muss verstehen, dass viele Frauen nicht aus Faulheit, sondern aus Betreuungsnot in Teilzeit arbeiten.
Eine aktuelle Auswertung des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung zeigt: Ein deutlich besseres Angebot an Plätzen für Unter-Dreijährige erhöht nicht nur die Rückkehrquote in den Beruf nach der Geburt, es steigert vor allem die Wahrscheinlichkeit, in Vollzeit zurückzukehren. Steigt die Betreuungsquote regional um 20 Prozentpunkte, fallen die Einkommenseinbußen von Müttern nach der Geburt messbar geringer aus. Gleichzeitig nehmen Beschäftigungsumfang und Zahl der Arbeitstage zu, häufiger in sozialversicherungspflichtigen Vollzeitstellen und häufiger mit höheren Löhnen, weil Frauen in besser bezahlte Firmen und Berufe wechseln.
Die Zahlen des Arbeitsmarkts zeichnen ein klares Bild: 2025 arbeiteten 66,4 Prozent der erwerbstätigen Mütter zwischen 25 und 49 Jahren mit minderjährigen Kindern in Teilzeit. Bei Vätern lag der Anteil im selben Zeitraum bei 8,6 Prozent. Besonders markant sind die Unterschiede in den ersten Lebensjahren des Kindes: Nur 39,7 Prozent der Mütter mit mindestens einem Kind unter drei Jahren waren 2025 erwerbstätig, bei den Vätern waren es 88,7 Prozent.
Hinter diesen Zahlen stehen praktische Hindernisse. Trotz deutlicher Investitionen in die Betreuungsinfrastruktur fehlen flächendeckend Plätze und Fachkräfte. Zum Stichtag 1. März 2025 lag die Betreuungsquote für Unter-Dreijährige in Deutschland bei rund 37,8 Prozent. Im europäischen Vergleich schneiden Länder wie Frankreich, Dänemark oder die Niederlande deutlich besser ab, weil ihre Angebote stärker auf die Erwerbsbeteiligung beider Elternteile ausgerichtet sind. Regional zeigen sich zudem beträchtliche Unterschiede: Im Osten Deutschlands einschließlich Berlin lag die Quote deutlich höher als im Westen.
Rechnungen des Instituts der deutschen Wirtschaft deuten darauf hin, dass rund 300 000 Kitaplätze fehlen, vor allem in westdeutschen Regionen. Solche Lücken wirken unmittelbar auf die Arbeitsmarktchancen von Müttern: Wer keine verlässliche Betreuung hat, reduziert Arbeitszeiten oder scheidet zeitweise aus dem Beruf aus – mit Folgen für Einkommen, Karriereverlauf und Rentenansprüche.
Die politische Debatte um Arbeitszeiten bleibt unvollständig, wenn sie sich auf Appelle an individuelle Leistungsbereitschaft beschränkt. Wer mehr Vollzeit und mehr Stunden will, muss zugleich die Alltagsbedingungen ändern, die Familien vor strukturelle Dilemmas stellen. Für viele Eltern beginnt die Frage nach Erwerbsumfang und Karriere schon morgens vor der Kita-Tür.