Streit um Teilzeit: Politik beklagt Lifestyle, Personalexperten sehen ein Arbeitszeitproblem
Debatte um Teilzeit verfehlt den Kern des Problems
Frankfurt – Die Diskussion um Teilzeitarbeit hat in den vergangenen Monaten neue Schärfe gewonnen. Bundeskanzler Friedrich Merz hatte bereits im Mai 2025 auf einer Wirtschaftsveranstaltung seine Skepsis gegenüber Modellen wie der Vier-Tage-Woche und starkem Fokus auf Work-Life-Balance formuliert. Seine Warnung, der Wohlstand Deutschlands lasse sich so nicht stabilisieren, löste Applaus bei Wirtschaftsvertretern, aber auch deutliche Kritik aus Politik und sozialen Organisationen aus.
Auf dem CDU-Bundesparteitag in Stuttgart bemühte sich der Wirtschaftsflügel der Union anschließend, Formulierungen wie Lifestyle-Teilzeit aus Anträgen zu streichen, nachdem innerparteiliche Gegenstimmen laut geworden waren. Die Wortwahl ist nun zwar entschärft, doch die Grundfrage bleibt: Belastet Teilzeitarbeit den Arbeitsmarkt, oder übersieht die öffentliche Debatte strukturelle Ursachen für sinkende Arbeitszeiten?
Teilzeit wächst, Produktivität nicht zwingend gesunken
Fakt ist: Teilzeittätigkeit ist in Deutschland weiter auf dem Vormarsch. Nach Angaben des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung erreichte die Teilzeitquote 2025 einen neuen Höchststand von 39,9 Prozent. Gleichzeitig zeigen die Zahlen, dass Teilzeitkräfte im Schnitt sogar geringfügig mehr Stunden pro Woche leisteten als im Jahr zuvor. Ein einfaches Urteil von mangelnder Arbeitsmoral lässt sich daraus nicht ableiten.
Ein Personalchef widerspricht populären Vorurteilen
Philipp Riedel, CEO des Personaldienstleisters YER Deutschland, kritisiert die Debatte als zu verkürzt. Er nennt den Begriff Lifestyle-Teilzeit unglücklich gewählt und betont, dass die tatsächlichen Arbeitsbedingungen oft maßgeblich dafür seien, wie viel Beschäftigte leisten können und wollen. Riedel sieht in Deutschland weniger ein Fachkräfte-, dafür mehr ein Arbeitszeitproblem: Gesucht werde vielerorts Personal, zugleich verliere die Erwerbsarbeit pro Kopf an Umfang.
Sein zentraler Punkt lautet: Die falschen Anreize im System machten Mehrarbeit unattraktiv. Steuern, Abgaben und administrative Hürden führten dazu, dass zusätzliche Stunden finanziell kaum lohnten. Statt moralischer Appelle brauche es bessere strukturelle Rahmenbedingungen wie verlässliche Kinderbetreuung, flexiblere Modelle und Anreizsysteme, die Leistung auch ökonomisch lohnend machen.
Flexible Modelle statt Präsenzkultur
Riedel plädiert für eine stärkere Ergebnisorientierung und weniger starre Präsenzkulturen. Modelle wie flexible Vollzeit, Vertrauensarbeitszeit oder eine klar gestaltete Vier-Tage-Woche könnten funktionieren, wenn sie an messbare Leistungsziele gekoppelt sind und nicht als versteckte Arbeitszeitverkürzung wahrgenommen würden. In vielen europäischen Nachbarländern seien solche Modelle bereits weiter verbreitet und positiver besetzt.
Ein Praxisbeispiel aus Riedels eigener Firma unterstreicht seine These: Die erfolgreichste Sales-Mitarbeiterin arbeitet bewusst in Teilzeit, um Familie und Beruf zu vereinbaren. Gleichzeitig erzielt sie regelmäßig bessere Umsätze als viele Vollzeitkolleginnen. Erfolgsfaktor sei hohe Fokussierung, klare Prioritäten und eine ergebnisorientierte Arbeitsorganisation.
Politik steht vor praktischen Fragen
Die öffentliche Debatte dürfe nicht bei moralischen Bewertungen stehenbleiben, mahnen Experten. Wer mehr Leistung wolle, müsse sicherstellen, dass zusätzliche Arbeit auch lohnt und die Rahmenbedingungen Beschäftigte nicht ausbremsen. Sonst bestehe die Gefahr, dass gerade die Leistungsträger verloren gingen, auf die der Wirtschaftsstandort angewiesen sei.
Die Auseinandersetzung zwischen politischen Forderungen nach mehr Arbeitszeit und praktischen Vorschlägen aus der Personalwirtschaft wird Deutschland wohl weiter beschäftigen. Entscheidend bleibt, wie Politik und Unternehmen strukturelle Hindernisse abbauen und gleichzeitig moderne, leistungsfähige Arbeitsmodelle etablieren.

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