Merz kritisiert Teilzeitkultur – Personalexperte fordert ergebnisorientierte Anreize statt Präsenzdruck
Arbeitszeitdebatte braucht strukturelle Anreize statt Moralpredigten
München – Die Diskussion um Teilzeitarbeit und Arbeitszeitmodelle nimmt in der politischen Debatte wieder Fahrt auf. Auf der Jahreskonferenz des CDU-Wirtschaftsrats in Berlin hatte Bundeskanzler Friedrich Merz deutlich vor einem zu starken Fokus auf Vier-Tage-Woche und Work-Life-Balance gewarnt und damit Zustimmung bei vielen Unternehmern gefunden. Gleichzeitig formiert sich innerparteilicher Widerstand gegen eine pauschale Abwertung von Teilzeitmodellen.
Statistik widerlegt Pauschalurteile
Aktuelle Zahlen des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung zeigen, dass Teilzeitarbeit in Deutschland weiter zunimmt: Die Quote stieg 2025 auf 39,9 Prozent. Gleichzeitig bleiben die tatsächlich geleisteten Stunden stabil bis leicht steigend. Ein einfaches Bild von sogenannter Lifestyle-Teilzeit lässt sich daraus nicht ableiten.
Personalexperte plädiert für realistische Ursachenforschung
Philipp Riedel, CEO des Personaldienstleisters YER Deutschland, kritisiert die Pauschalkritik. Er warnt vor moralischen Appellen und fordert, die strukturellen Rahmenbedingungen in den Blick zu nehmen. «Die Debatte über Lifestyle-Teilzeit greift vielerorts zu kurz und ist unglücklich formuliert», sagt Riedel gegenüber dem Münchner Merkur. Entscheidend seien Anreize, etwa steuerliche oder lohnseitige Regelungen, sowie verlässliche Betreuung und flexible Arbeitsorganisation.
Vom Präsenzzwang zur Ergebnisorientierung
Riedel schlägt einen Perspektivwechsel vor: Statt Anwesenheit als Leistungskriterium zu definieren, sollten Unternehmen klare Zielvorgaben und Ergebnisbewertungen etablieren. Modelle wie flexible Vollzeit, Vertrauensarbeitszeit oder eine vier Tage Woche könnten funktionieren, wenn sie an messbare Ziele gekoppelt sind und nicht als versteckte Arbeitszeitverkürzung verstanden werden.
Als weiterer Treiber wird ein Mischung aus internationalem Wettbewerbsdruck und demografischem Wandel genannt. Riedel spricht von einem Arbeitszeitproblem: In vielen Branchen sinke die durchschnittliche Arbeitszeit pro Kopf, während gleichzeitig Fachkräfte knapp seien. Deshalb müssten zusätzliche Stunden auch finanziell attraktiv sein, fordert er.
Praxisbeispiel widerlegt Vorurteile
Ein Beispiel aus Riedels Unternehmen illustriert die These: Eine Teilzeitmitarbeiterin erzielt regelmäßig höhere Umsätze als viele Vollzeitkräfte, weil sie sehr fokussiert arbeitet und interne Reibungsverluste vermeidet. Solche Erfahrungen zeigen, dass Produktivität nicht automatisch an Stundenanzahl gekoppelt ist.
Die Debatte bleibt kontrovers: Während Minister und Wirtschaftsvertreter über gesamtgesellschaftliche Rahmenbedingungen streiten, raten Personalexperten zu konkreten Reformen in Unternehmen, die Leistung messbar machen und gleichzeitig Lebensrealitäten berücksichtigen.
Hintergrundinformationen und Zahlen beruhen auf Mitteilungen des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung sowie Stellungnahmen von Vertretern aus der Wirtschaft.

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