Ehegattensplitting als Bremsklotz für Vollbeschäftigung
Steueranreize halten Frauen in Teilzeit und schwächen Arbeitsmarkt sowie Alterssicherung
Fast jede zweite berufstätige Frau in Deutschland arbeitet nur in Teilzeit. Das ist kein individuelles Schicksal, sondern häufig das Ergebnis eines steuerpolitischen Systems, das Einkommen innerhalb von Partnerschaften belohnt und damit klassische Ernährerhaushalte finanziell bevorzugt. Dieses System, bekannt als Ehegattensplitting, schafft wirtschaftliche Fehlanreize: Es lohnt sich steuerlich, dass ein Partner weniger arbeitet, und meist ist davon die Frau betroffen.
Die Folgen sind deutlich: Einkommensnachteile über die Lebenszeit, höhere Gefahr von Altersarmut bei Frauen und ein spürbarer Fachkräfteverlust für Unternehmen und die gesamte Volkswirtschaft. Während andere Länder, etwa die Schweiz, den Schritt zu einer Individualbesteuerung wagen, wird jede ernsthafte Reform des Splittings in Deutschland politisch blockiert. Dabei reicht es nicht, allein Anspruchsgrenzen für Teilzeit zu verschieben. Es braucht eine grundlegende Neuausrichtung der Anreize und begleitende Maßnahmen.
Eine kluge Politik muss zwei Ebenen verbinden: Sie muss steuerliche Rahmenbedingungen schaffen, die Doppelverdienerinnen und Doppelverdiener nicht benachteiligen, und gleichzeitig praktische Angebote verbessern, die Vollzeit- oder stabile Beschäftigungsverhältnisse ermöglichen. Dazu gehören ausreichend ausgebaute Betreuungsangebote, flexible, aber zuverlässige Arbeitszeitmodelle und stärkere Tarifpartnerschaften, die echte Vollzeitoptionen mit familienfreundlichen Arbeitszeiten verbinden.
- Reform des Ehegattensplittings hin zur Individualbesteuerung, um Erwerbsanreize für beide Partner zu stärken
- Flächendeckender Ausbau von Kindertagesstätten und Ganztagsbetreuung, um Vereinbarkeit zu ermöglichen
- Förderung von verlässlichen Vollzeit-Teilzeit-Modellen mit sozialer Absicherung und fairer Bezahlung
- Maßnahmen gegen die Lohnlücke und bessere Rentenansprüche für unterbrochene Erwerbsbiografien
In ganz Deutschland reicht es nicht, Teilzeitrechte nur zu beschränken. Wer Vollzeitarbeit will, muss die ökonomischen Rahmenbedingungen so gestalten, dass Vollzeit für Frauen attraktiv, möglich und sicher ist. Andernfalls bleibt das Problem bestehen: Der Staat beklagt Fachkräftemangel und lange Arbeitszeiten auf der einen Seite, subventioniert aber mit seinem Steuersystem auf der anderen Seite genau jene Arbeitsmodelle, die Talente und Einkommensperspektiven untergraben.
Stadtname im engeren Sinn spielt hier keine Rolle, denn die Debatte betrifft die gesamte Bundesrepublik. Entscheidend ist, dass Politik, Arbeitgeber und Gesellschaft gemeinsam Anreize und Angebote schaffen, die echte Wahlfreiheit ermöglichen und wirtschaftliche wie soziale Kosten langfristig reduzieren.

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